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Aspekte zum Selbstverständnis der Gemeinschaft aller Kreuzpfadfinder heute

Vortrag von Jürgen G. Dreyer anläßlich des Ostertreffens 2000 in Mölln

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ein Nachdenken über unser Selbstverständnis heute will ich unter folgenden Gesichtspunkten entwickeln:

  1. Aspekte der Geschichte
  2. Unser Versprechen
  3. Christ und Kreuzpfadfinder
  4. Unsere Aufgaben
  5. Die Gemeinschaft

Fritz Riebold greift 1923 in “Auf neuem Pfad” den Gedanken der Bruderschaft der älteren Pfadfinderbrüder auf, die nicht mehr in der Pfadfinderarbeit tätig sind. Er spricht von einer Gemeinde der Brüder, die man auch Orden nennen könnte. Er faßt dies als eine Gemeinschaft derjenigen auf, für die christliches Pfadfindertum Lebensauffassung ist. Also spricht er schon hier von einem Lebenspfadfindertum.

Als wesentliche Merkmale solch einer Bruderschaft sieht er, ich zitiere:

1.Die Bruderschaft will Hab und Gut, Zeit und Leben, Geist und Kraft voll in den Dienst für das Reich Gottes stellen.
3. Die Brüder sind jederzeit zu seelsorgerlicher Aussprache mit Jüngeren bereit.
4. Zusammenkünfte werden durch die Bruderschaften bestimmt und jedes Jahr soll eine Ordensfreizeit stattfinden.1

Friedrich Duensing schreibt 1936:
Die Bruderschaft sieht ihre Aufgabe ... in der Erledigung der Aufgabe, die dem einzelnen an seiner Stelle im Volk und im Dienst an der Gemeinde gestellt ist. Es ist die Pflicht jedes Gliedes, für einen Einsatz in rechter Mitarbeit in der örtlichen Gemeinde und für ein deutliches Bekenntnis seines Christseins in Wort und Tat überall bemüht zu sein.2

Hier werden uns wesentliche Gedanken von Lebenspfadfindertum deutlich und wir werden sie bei der Prüfung unserer heutigen Inhalte nicht vernachlässigen können.

Wesentlicher Aspekt unserer geschichtlichen Entwicklung ist natürlich der Zusammenschluß zum VCP, der über viele Jahre den Kreuzpfadfinder und damit das Lebenspfadfindertum einfach gestrichen hat.

Erst Fritz Wolf und seinen Mitstreitern haben wir es zu verdanken, dass wir uns zu den Ostertreffen zusammenfinden und auch jüngeren insbesondere aus den Reihen des VCP den Weg zum Kreuzpfadfinder wieder geöffnet wurde und dann auch der VCP den Kreuzpfadfinder nicht mehr ignorieren konnte.

Allerdings sehe ich heute, dass wir über diese Ostertreffen nicht wesentlich hinausgekommen sind. Nach Friwo´s Tod trat Stagnation ein durch blockierenden Richtungsstreit in vielfältiger Hinsicht. Viele Einzelkämpfer machen was sie wollen ohne Rücksicht auf ein gemeinsames Interesse.

Und hier ist es wichtig, uns einen wesentlichen Gedanken des Pfadfindertums schlechthin in Erinnerung zu rufen. Der Pfadfinder ist nicht für den Bund da, sondern der Bund ist für die christliche Lebensausrichtung des Einzelnen verantwortlich.

Heinz Wehrmann sagt das 1936 in einem Satz:
Die erste und wichtigste Aufgabe der Bruderschaft muß immer und in jedem Fall die Zurüstung unserer Kameraden durch das Wort Gottes sein.3


Wollen wir nun heute unser Selbstverständnis, unsere Inhalte beschreiben oder auch festlegen, so müssen wir feststellen, es gibt wenig Material aus der Neuzeit, an dem wir uns orientieren können.

Natürlich gab es Ende der 70iger Jahre vielfältige Gründe dafür, möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, den Neuaufbruch nicht zu gefährden. Diese Gründe gibt es heute doch schon lange nicht mehr und jegliche Geheimniskrämerei verbaut jüngeren Pfadfindern den Weg zum Kreuzpfadfindertum.

Formulieren wir unser Wollen nicht klar, deutlich und für jedermann verständlich und nachvollziehbar, so entziehen wir uns der Überprüfbarkeit und damit der Selbstkontrolle und niemand wird sich in Zukunft überhaupt noch mit uns auseinandersetzen wollen, weil wir schwammig sind und wenig konkret. Mit einem Wort, wir brauchen Transparenz und deutlich definierte Arbeits- und Führungsrichtlinien.

Das besagt allerdings nicht, dass es nicht andere Wege zu einem Kreuzpfadfindertum gibt. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, aber nur eine Dienstgemeinschaft.

Nehmen wir also das wenige uns zur Verfügung stehende, unser Versprechen, als Anhaltspunkt, wobei wir uns auch darüber Klarheit verschaffen müssen, dass die bei den Aufnahmen während der Ostertreffen verwendeten Grundsätze und Versprechensformeln nicht immer gleich waren und es sehr wohl verschiedene Auffassungen dazu gibt. Darum beschränke ich mich auch auf die wesentlichen Inhalte.

Zunächst ist das Versprechen selbst schon Inhalt. Wir versprechen uns, und damit meine ich uns selbst und auch gegenüber den Schwestern und Brüdern und nicht zuletzt Gott etwas. Wir gehen eine Verpflichtung ein gegenüber uns, unserer Gemeinschaft und gegenüber Gott, und diese Verpflichtung betrachte ich als Hilfe, als Stütze, als Brücke auf unserem Weg zu Gott. Die Gemeinschaft kann jeden einzelnen auf diesem Weg stärken und bestärken und kann dadurch eine starke Gemeinschaft sein. Aber gerade darin liegt auch eine Gefahr, die Gefahr eines elitären Denkens: Wir sind besondere Christen, wir sind besondere Menschen. Hüten wir uns vor solchem Denken, denn gerade das führt uns so oft auf Abwege.

Wir versprechen uns also auf Dauer als Christ zu leben, unser Leben nach unserem Herrn und Heiland Jesus Christus auszurichten und ihm nachzufolgen. In diesem Teil des Versprechens ist die Anfechtung gleich mit ausgedrückt, denn drückte uns nicht immer wieder der Zweifel, müssten wir uns dies nicht versprechen. Was beinhaltet aber christliches Leben und ihr wißt alle, darüber sind ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden.

Um hier ein fassbares, ein umsetzbares Ergebnis zu erzielen, helfen uns zunächst hochspezifische theologische Abhandlungen oder platte Werbespots, mit denen der Kirchenflucht Einhalt geboten werden soll, herzlich wenig. Ich wende mich darum Jesus direkt zu, um eine Antwort zu erhalten. Jesus war weder katholisch, noch evangelisch, noch orthodox. Jesus war bekennender Jude und wir glauben und bekennen, dass er Gottes Sohn war und ist. Er war ein Erneuerer des jüdischen Glaubens, er stiftete den Neuen Bund mit Gott, was schließlich Christentum für uns bedeutet, mehr nicht, aber entschieden auch nicht weniger.

Was bedeutet das denn für uns im Einzelnen? Und ich frage heute dabei nicht nach den Inhalten der vielen Bücher, nicht nach Paulus, nicht nach Luther und auch nicht nach Küng oder Sölle, sondern ausschließlich nach Jesus selbst und versuche damit jegliche Polarisierung auszuschließen.


Heißt es nicht: “Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen! Das ist das Gesetz und die Propheten”, nicht mehr, aber auch hier entschieden nicht weniger und dabei ist die positive Formulierung so wichtig, wir sollen handeln. Was das bedeutet steht wesentlich in der Bergpredigt! Sie ist die Grundlage unseres Handelns als Kreuzpfadfinder und Christ.

Damit ist auch schon unser weiteres Versprechen begründet, wir versprechen aktiv zu sein, also uns nicht hängen lassen, sondern unsere Welt in Kirchengemeinde, in politischer Gemeinde, eben unser Umfeld aktiv mitzugestalten. Das bedeutet viel, ständige und beständige Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit, um kompetent mitgestalten zu können, ständiges und beständiges Zugehen auf unseren Nächsten und über alledem das Gesetz: “Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut auch ihnen!”

Wie ist aber die Wirklichkeit beschaffen? Heinz Zahrnt beschreibt das so: Der in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter ergehende Appell zur Leidensbekämpfung wurde von der Christenheit zwar vernommen, blieb aber zumeist auf die private Hilfe beschränkt.4 Wir, als Kreuzpfadfinder, aber haben uns ja vorgenommen nicht dabei stehen zu bleiben, Christen der Lippenbekenntnisse zu sein. Idealisieren hilft an dieser Stelle aber auch nicht, denn schließlich muß jeder von uns sich selbst und seine Familie von und mit irgend etwas ernähren. Das sind doch die Konflikte, die uns täglich berühren und angreifen.

Hier kommt für mich die Demut hinzu. Fehlt uns die Demut, werden wir hochmütig und selbstgerecht. Nur mit Demut sind wir zu christlichem Handeln befähigt, denn Demut heißt Wissen um die Gnade unseres Herrn Jesus Christus. Diese Demut beinhaltet aber auch ein gesundes, gläubiges Selbstbewußtsein, das sich im Sinne des Gesetzes, wie Christus es gesagt hat, durchsetzen kann, das dem Satan, der Versuchung widerstehen kann. Und Demut bewahrt uns auch davor, die Verbindung zu Gott nach dem Leistungsprinzip zu betrachten wie es im Buch Hiob der Satan dem Hiob unterstellt.

Hier wende ich mich nun dem zu, warum wir eine Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder brauchen oder auch nicht brauchen. Den für mich entscheidenden Grund habe ich bereits genannt: Wir gehen eine Verpflichtung ein gegenüber unserer Gemeinschaft, und diese Verpflichtung betrachte ich als Hilfe, als Stütze, als Brücke auf unserem Weg zu Gott. Die Gemeinschaft stärkt und bestärkt jeden einzelnen auf diesem Weg und kann nur dadurch eine starke Gemeinschaft sein. Und dabei ist jeder einzelne von uns gefragt. Und wir müssen jedem zugestehen, dass sie/er ihr Bestes zu geben sucht. Nur dieser Versuch reicht oft nicht aus, wenn wir nicht immer wieder unser eigenes Handeln auch reflektieren, auch und besonders in der Gemeinschaft.

In einer Zeit der Anfechtung, die in unserem Umfeld immer mehr zunimmt, bedürfen wir der Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder, um mit der Kraft der Gemeinschaft die ganze Kraft unseres Glaubens zu entfalten, um mit der Hilfe der Schwestern und Brüder unseren Zweifel nachhaltig zu überwinden, um aus der Gemeinschaft heraus unsere Kirche, deren Verantwortliche teilweise noch gar nicht begriffen haben, auf welch dünnem Eis sie sich noch bewegen, zu stärken als Institution, die den Menschen Gott und damit Sinn durch unseren Glauben zu vermitteln in der Lage ist. Hier brauchen wir die Gemeinschaft und die Gemeinschaft braucht uns in zweifacher Hinsicht, denn wo sonst können wir unsere Anfechtungen offen ansprechen und 2. als Einzelstimme werden wir in unserer Kirche leider meistens nicht mehr gehört.

Und in dieser Kirche haben leider in der Vergangenheit unsere Pfarrämter und höheren Kirchenbehörden ihre notwendige Verwaltungsaufgabe als Sachwalter der christlichen Hinterlassenschaft zu ernst genommen und jede Erneuerung meist erfolgreich zu verhindern versucht. Sie verlieren dabei das Ohr und Auge für die Fragen der Zeit und geben den Menschen keine Antworten mehr.

Heinz Zahrnt schreibt zum Zustand unserer Kirche: Wir befinden uns in Europa, dem einstigen christlichen Abendland, in einem Abbruch der christlichen Tradition, von dessen Ausmaß sich viele noch gar keine Vorstellung machen. Der Faden, der unsere Zeit noch mit dem Christentum verbindet, ist hauchdünn geworden.5


Hier sind wir nun bei den konkreten Aufgaben, die wir uns gestellt haben, hier sind wir als Kreuzpfadfinder in erheblichem Maße gefordert, jeder in seiner Gemeinde zu Hause, aber vielleicht wir als Gemeinschaft auch in der Kirche.

Das bedeutet aber auch, dass wir unsere Kraft, die wir für diese große Aufgabe dringend benötigen, nicht in nutzlosen Kämpfen innerhalb unserer Gemeinschaft verschwenden, sondern wesentlich die Zurüstung durch die Gemeinschaft wieder in den Vordergrund gerückt werden muß. Also, wir bedürfen der Gemeinschaft nicht als Ersatzgemeinde, sondern als Ort der Stärkung.

Fragen wir uns an dieser Stelle, wie leben wir unser Christsein, unser Kreuzpfadfindertum im täglichen Leben, sind wir Christen von Fall zu Fall oder für alle Fälle?

Das 2. würde doch aber bedeuten, wir setzen uns mit dem Christsein auseinander, aber nur noch oberflächlich. Diese oberflächliche Auseinandersetzung zeitig keine Folgen mehr. Es ist wie mit so vielen Dingen, wir tun sie, aber eher gelangweilt. Bei wem ist die Nächstenliebe noch tätig vorhanden und erschöpft sich nicht in dem Erwerb von Spendenbescheinigungen, von denen sogar das Finanzamt ablesen kann, wie groß unsere Nächstenliebe ist.

Wissen wir noch was Christsein ist?

Streben wir selbst nach diesem Wissen, gibt es Menschen, die es uns sagen oder zeigen? Diese Frage muß sich zunächst jeder selbst beantworten, aber insgesamt lautet die Antwort doch eher nein. Wir haben keine Not mehr, die uns nach Gott rufen läßt, aber dennoch haben wir komischerweise große Not. Kommen wir da unserem Versprechen als Kreuzpfadfinder ausreichend nach?

Und kommt unsere Kirche in dieser Beziehung ihrer Aufgabe nach, geben uns die sonntäglichen Predigten noch mit in die Woche, wie wir unseren Alltag gestalten sollten, verkünden sie Gottes Wort so kraftvoll, dass wir die ganze Woche davon zehren? Welche Predigt nimmt uns noch so in Anspruch, dass unsere Gedanken nicht schon nach 5 Minuten abschweifen?

Das bedeutet für uns doch, wir sind gefordert durch ständiges Bibelstudium unseren Glauben zu festigen, um nicht in ein religiöses Einerlei ab zu rutschen. Hier sind wir auch als Gemeinschaft gefordert, Unterstützung von Schwestern und Brüdern erfahren und selbst geben, damit wir unsere Glaubenskraft dann auch weitertragen können, in unsere Gemeinden zu Haus. Da ist eine der wesentlichen Aufgaben der Kreuzpfadfinder und des Lebenspfadfindertums zu finden und hier bedürfen wir der Bestärkung und Hilfe aus der Gemeinschaft, um solch schweren und aufreibenden Aufgaben nachkommen zu können.

Wie sieht es aber in unserer Gemeinschaft aus? Nach der Stagnation der 70iger Jahre hat Friwo uns den Weg der Kreuzpfadfinder in die Neuzeit gewiesen. Dabei hat er sehr deutlich erkannt, dass wir gerade heute, in einer Zeit der großen Lethargie in Kirche und Gesellschaft, der Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern besonders bedürfen. Nur wenn wir die notwendige Grundlage und die notwendige Kraft besitzen, sind wir in der Lage unser Versprechen einzulösen. In unserer Gemeinschaft breitet sich aber ansteckend die Lethargie auch aus, oft begründet in der Selbstbezogenheit Einzelner.

Machen wir uns klar, wenn die Gemeinschaft nicht dem Einzelnen Kreuzpfadfinder dient, dient sie zu nichts.

Und es ist niemandem in unserer Gemeinschaft ein Freifahrtschein für ein eigenbestimmtes, politisierendes oder eigenmächtiges Handeln innerhalb unserer Gemeinschaft ausgestellt, was insbesondere jungen Pfadfindern und jungen Kreuzpfadfindern den Weg zu unserem Herrn Jesus Christus versperrt und vor allem verleidet.


Und als ich im Buch Hiob den Satz las: Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht immer, was das Rechte ist”, fand ich das wieder, wonach ich mich in den vergangenen Jahren häufiger gefragt habe.

Und da ist noch etwas, gerade auch in unserer Gemeinschaft,

träumerisch idealisierte Bilder von Kreuzpfadfindertum und Christentum lenken von der täglichen Wirklichkeit eines jeden von uns ab und schränken auf diesem Wege unsere christliche Handlungsfähigkeit ein und behindern sie. Wir haben ja nicht versprochen zu träumen, sondern zu handeln, zu handeln in unserem täglichen Leben, jeder dort, wo wir hingestellt sind. Jesus Christus konnte es nicht deutlicher sagen: 21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.

Ich will das Kind auch beim Namen zu nennen: Um meinen eigenen Weg als handelnder Christ zu finden und umzusetzen und diesen Weg durch die Gemeinschaft für alle Kreuzpfadfinder zu fördern, interessiert es mich herzlich wenig was zur Zeit Alfred Pointner in der Kreuzwacht schreibt, oder ob die Urgemeinde bei der Osternachtsfeier rechts- oder linksherum an den Altar trat, weil beides wenig hilfreich ist und wenig zu unserer Stärkung beiträgt.

Wenden wir uns an dieser Stelle unseren konkreten selbst gestellten Aufgaben als Kreuzpfadfinder zu. Wie sieht es denn dort aus, wo wir hingestellt sind?

Marion Gräfin Dönhoff beschreibt das so:

Die Institutionen, die in früheren Zeiten Werte setzten und Spielregeln festlegten: Elternhaus, Schule und Kirche, sind dazu nicht mehr in der Lage, aber ohne eine solidaritätsschaffende und Orientierung bietende Ethik wird die Gesellschaft auf Dauer nicht bestehen können. Denn jede Gesellschaft braucht Bindungen. Ohne Spielregeln, ohne Traditionen, ohne einen ethischen Minimalkonsens, der den Verhaltensnormen zugrunde liegt, wird unser Gemeinwesen eines Tages so zusammenbrechen wie vor kurzem das sozialistische System.

Das Menschenbild, das uns Heutigen vor Augen steht, ist rein individualistisch. Selbsterfüllung ist der bestimmende Aspekt - Verantwortung für den Staat, die Gesellschaft und die Kirche ist weitgehend in Vergessenheit geraten.6


Mit Gräfin Dönhoff gesprochen wäre da also zunächst die allgemein gültige ethische Grundlage, die aus unserem Selbstverständnis heraus selbstverständlich Christus ist. Nur, wie gesagt, wir müssen daran mitarbeiten, dass das auch wieder eine glaubhafte Alternative für viele werden kann, denn sie sagt damit ja auch, Christentum erfüllt diesen Minimalkonsens nicht mehr. Und wir haben doch die Zeit eigentlich dabei auf unserer Seite, denn es scheint ja inzwischen verbreitete Auffassung zu sein, dass die ausschließlich diesseitige Ausrichtung des Menschen unbefriedigend und nicht sinnerfüllend ist. Indisch geprägte Gurubewegungen, vom spirituellen Laissez-faire geprägte Welteinheitsreligionen und Esotherik haben regen Zulauf und wir dem anscheinend nichts zu entgegnen.

Weiter spricht sie ja sogar von denselben Dingen wie unser Versprechen, von Verantwortung in Kirche, Staat und Gesellschaft und konkretisiert das. Wir müssen wieder Spielregeln und Werte festlegen im Elternhaus, in der Schule und auch in der Kirche und damit zeigt sie uns Problemfelder an, die unsere ganze Aufmerksamkeit und Arbeit erfordern: Elternhaus, Schule und Kirche, also vor allem die Erziehung. Wie kann es z.B. sein, dass viele Eltern die uns noch so vertrauten gesellschaftlichen Spielregeln ihren Kindern nicht mehr beibringen, die Kinder werden grenzenlos und haltlos. Wie kann es sein, dass die ganze Wucht der Erziehungsverantwortung von den Eltern nur zu gern den Lehrern, Erziehern und Pastoren aufgebürdet wird und dabei den Kindern aber mehr Rechte als den Erziehern zugestanden werden? Da stimmt doch etwas in unserem Verständnis nicht mehr, uns fehlt die nötige Demut, da sind wir einfach nur noch selbstbezogen, auch wenn das überhaupt keinen Sinn mehr macht. Und gerade auf diesem Feld sind wir als Kreuzpfadfinder doch zu Hause. Sollten wir nicht als Lebenspfadfinder in der Lage sein, hier erhebliches zu leisten? Wollen wir dieses Feld wirklich selbsternannten Heiligen überlassen?

Sie beschreibt an derselben Stelle auch unsere Aufgaben in der politischen Wirklichkeit. Es herrscht eine allgemeine Ratlosigkeit und eine totale Ichbezogenheit, die nicht einmal vor kriminellen Machenschaften halt macht, wie wir gerade zur Zeit auch hautnah erleben dürfen. Hier gilt es die Notwendigkeit deutlich zu machen, dass solch ein Zustand nur abgestellt werden kann, wenn alle für alle ein entsprechendes Verantwortungsbewußtsein entwickeln und danach handeln. Und sie sagt es deutlich; das heißt auch, Rechenschaft abzulegen und einzufordern, und doch aber auch nichts anderes als Spielregeln festlegen und vor allem beachten. Auch auf diesem Feld sind uns Pfadfindern hervorragende Mittel an die Hand gegeben.

Es kann und muß unsere Aufgabe sein, an der Veränderung der von Gräfin Dönhoff beschriebenen Zustände mitzuarbeiten, Visionen von christlicher Zukunft mit zu entwickeln und anderen Menschen von der Kraft unseres Glaubens Mitteilung machen, damit der Glaube nicht im Meer der Unwissenheit verloren geht. Und die Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder kann dabei nicht mehr sein als eine Dienstgemeinschaft an seinen Gliedern und der christlichen Kirche, aber auch nicht weniger und gerade hier ist doch der Ort für Visionen möglich.

Lassen wir uns nicht täuschen, die Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder sind wir alle miteinander mit Gottes Hilfe, und wenn sie fortbestehen soll, wenn sie jeden von uns in unserem täglichen Handeln als Christen und Kreuzpfadfinder stützen soll, muß jeder von uns seinen Beitrag nach seinen Gaben leisten, und innerhalb dieser Gemeinschaft kann und darf es keine Abhängigkeiten geben, außer der zu dem dreieinigen Gott. Die Gemeinschaft hat keinen Selbstzweck und kann nur aus sich heraus und aus unserem Glauben leben als Bindeglied zwischen den einzelnen Schwestern und Brüdern, die sich gegenseitig Hilfe und Stütze in ihrem Glauben sind. Und aus der Gemeinschaft heraus entstehen die Ostertreffen, die uns geistliche und geistige Tankstelle für das Leben als Christen und Kreuzpfadfinder der Tat sind.

Diese Gemeinschaft bedarf aber eben auch nicht notwendig der Dienstgemeinschaft oder gar der Fritz Riebold Gesellschaft, wenn diese nicht dem eben genannten Zweck der Gemeinschaft dienen. Und Friwo hat sie ganz gewiss nicht anders gemeint, auch wenn Einzelne uns das glauben machen wollen. Verstehen wir die Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder in dem eben beschriebenen Sinn, dient sie ausschließlich der Stärkung des einzelnen in seinem Glauben und alles, was innerhalb der Gemeinschaft einen Selbstzweck verfolgt, hat sich selbstredend von dem Zweck und damit von der Gemeinschaft selbst distanziert und ausgeschlossen.

Wir alle haben keinen Grund uns zu verstecken, nehmen wir unsere Belange selbstbewußt in die Hand, lassen wir uns von nichts und niemandem abhalten, unseren Glauben und unsere Überzeugungen mit dem klaren Bezug auf und in Treue zu Gott und das Gesetz zu leben.

Wir haben ja die Zusage, wenn wir ihn nach Kräften suchen, wird er sich finden lassen.

Beherzigen wir das und laßt mich hier in diesem Zusammenhang noch einige Sätze von Dietrich Bonhoeffer zur Mahnung anfügen:

Unzählige Male ist eine ganze christliche Gemeinschaft daran zerbrochen, daß sie aus einem Wunschbild heraus lebte.

Christliche Bruderschaft ist nicht ein Ideal, das wir zu verwirklichen hätten, sondern es ist eine von Gott in Christus geschaffene Wirklichkeit, an der wir teilhaben dürfen.7

Wenn wir nun in Anerkennung dieser Gnade und damit in Demut unseren Weg suchen, werden wir, jeder für sich, seine ihm zugedachten Aufgaben auch finden, finden in der Gemeinde, in der politischen Gemeinde und in der Gemeinschaft der Kreuzpfadfinder, vor allem aber an unserem Arbeitsplatz und in unseren Familien. Wenn wir überzeugt unseren Glauben vertreten, werden wir überzeugend auf viele offene Ohren und Herzen treffen, die die Kraft des Glaubens suchen.

Überall finden wir in unserem Umfeld die Worte vom positiven Denken wieder, aber keiner weiß so richtig, wie das geht.

Ist denn nicht unser Glauben, unser Lebenspfadfindertum etwas total positives, in die Zukunft gerichtetes und Kraft gebendes? Wovor wollen wir uns da verstecken? Und die Kraft unseres Glaubens hat einzig und allein mit uns selbst und unserem Vertrauen zu unserem Herrn Jesus Christus zu tun.

Und wir müssen dabei nicht nach unserem Image als Christen schielen, sondern einzig und allein unser Christsein, unser Kreuzpfadfindertum ehrlich und überzeugend leben.

Wenn die Kirchen heute versuchen durch Werbestrategien ihr Image zu erhöhen, stellen sie den Glauben auf eine Ebene mit allen käuflichen Dingen und damit wird der eigentliche Inhalt unseres Glaubens aufgegeben.

Natürlich brauchen wir auch die rechte christliche Lehre, damit wir unsere Identität finden, aber was nützt eine Lehre, die kein Mensch mehr versteht, die keine Handlungsmöglichkeit mehr beinhaltet, also bei der Lehre stehen bleibt. Wir sind ja aufgefordert unser Christsein zu leben. Die Lehre kann also auch nur Mittel zum Zweck sein und der Zweck ist das reale Leben eines jeden von uns aus der Gnade Gottes und in Christi Namen.

Wichtig für uns ist, dass wir die Sorgen, Nöte, Bedürfnisse, Zweifel, Hoffnungen und Träume der Zeit erkennen, und dass wir mitten in diese Sorgen und Hoffnungen hineingestellt sind. Wichtig ist, dass wir dabei unser Christsein in kleinen Schritten leben und damit anderen Menschen zu erkennen geben, wir leben aus und in der Gnade unseres Gottes und unseres Herrn Jesus Christus, und desto ruhiger lernen wir auch über uns und unsere Gemeinschaften denken und für sie beten, hoffen und handeln, wie Bonhoeffer sagt.

Wie nun konkretes christliches Handeln in unserem Alltag aussehen kann und muß, das denke ich, sollten wir miteinander immer wieder neu überdenken.

Bei alledem gebe ich euch mit Paulus (1. Korin. 12, 4-6 u. 25-27) zu bedenken und beherzigen: Die Gaben sind verschieden, doch gewirkt von demselben Geist. Es gibt verschiedene Aufgaben in der Gemeinde, doch derselbe Herr hat sie verteilt. Es gibt auch verschiedene Begabungen, doch derselbe Gott hat bei jedem einzelnen alles bewirkt. Und überall, wo sich der Geist so sichtbar äußert, ist der Maßstab, ob es allen anderen nützt.

Und: So wollte er Zwist im Leib vermeiden. Alle Glieder sollen sich vielmehr dem einen gemeinsamen Ziel verschreiben, dass der Leib lebt. Und Leben bedeutet: Wenn ein Glied leidet, leiden alle anderen mit. Wenn eines Ehre empfängt, freuen sich alle anderen mit. Ihr seid alle miteinander Leib Christi, damit ist jeder von euch für sich Teil des Leibes.


1, 2, 3 Aus der Arbeit und Gemeinschaft der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands

Führerblätter Nr. 22/76 (31.Juli 1960) – Herausgegeben von der Bundesführung der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands - Zusammengestellt durch Dieter Kraeter und Hanns-Dieter Lohnes – Pfad-Verlag, Kassel-Wilhelmshöhe, Bremelbachstrasse 20/24

4 Heinz Zahrnt - Wie kann Gott das zulassen? – Hiob – Der Mensch im Leid * Serie Piper 453, 5. Aufl. 1991

5 Heinz Zahrnt - Leben – als ob es Gott gibt * Serie Piper 1947, 2. Aufl. 1998

6 frei nach Marion Gräfin Dönhoff - Zivilisiert den Kapitalismus – Grenzen der Freiheit * Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 1997

7 Dietrich Bonhoeffer - Gemeinsames Leben * Chr. Kaiser / Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1987


Alle Rechte an dem vorliegenden Text vorbehalten: Jürgen Dreyer, Alm 10, 29614 Soltau
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Verwendung durch Kreuzpfadfinder und Kreuzpfadfinderrunden zu Zwecken der Kreuzpfadfinderarbeit sind genehmigt.